Galerie             Actualité          Presse        Parcours            Contact         Liens

Genius loci / L'esprit du lieu
Foto-/Rauminstallation im KunstRaum WUNDERKAMMER Stuttgart
10. Februar - 19. März 2006

Das optimale Ambiente einer Kunst- und Naturalien- (vulgo Wunder-)kammer sollte folgendermaßen aussehen:
"Aus respect des Zimmers oder Kammer fällt dieses zu bedenken: (1) Daß es fein geraum / und so wol für ankommende frembde Personen zum hin- und wiedergehen / als auch für iene viereckigte lange Taffel / langhin in die mitten zu setzen bequäm; oben gewölbt und nicht getäffelt; rings herum gemauret / nirgend bemahlt / es seye dan nur am obersten Mittelstein / und daran gehendes Gewölbes; unten mit Regulieren Marmorsteinen gepflastert; und im übrigen genugsam für Mäusen / Ratten / Katzen / einnistelnden Schwalben / einbrechenden Dieben / Wind / Staub / Platzregen und Feuers-Gefahr verwahret; wol (doch nicht übermäßig) mit Fenstern versehen und lichte: wie sonst auch von gesunder / reiner und trockener Lufft..."
Wie wichtig der Ort ist, ja noch genauer: wie der Raum zu sein hat, in dem sehenswerte Kammerstücke, ob Naturalia oder Artificialia, in einer entsprechenden Ordnung gezeigt werden, war dem Hamburger Mediziner und Polyhistor Johann Daniel Major vollkommen bewußt, als er dieses und vieles weitere 1674 in seinem bis ins 18. Jahrhundert viel gelesenen Buch "Unvorgreiffliches Bedencken" niederlegte und damit die theoretischen Grundlagen des Sammelns und Ordnens schuf.

Der Raum, in dem Valérie Graftieaux die gezeichneten bzw. fotografierten Panoramen ihres ehemaligen Appartements im Winter 2006 unter dem Titel "Genius loci / L'esprit du lieu" präsentierte,
ist als zeitgenössische Wunderkammer apostrophiert: Hier setzen sich Künstler und Wissenschaftler seit Ende 2003 mit dem in der Frühen Neuzeit verankerten Phänomen Kunst- und Wunderkammer als Wahrnehmungsinstrument auseinander. Bei der Präsentation von "Genius loci" nun ist  "die lange Taffel" - in diesem Fall eine die Zeichnungsrolle bergende Tischvitrine - nicht in der Mitte platziert, man kann daran auch nicht sitzen, sondern nur stehen, und der Boden der Wunderkammer ist auch nicht ganz so kostbar gehalten. Ansonsten aber werden Majors Vorschläge stets weitgehend beherzigt. Allerdings wechselt in dieser Kammer - auch das sollte nicht verschwiegen werden -, anders als im oben zitierten Idealentwurf (der die Verstetigung einer Sammlung propagiert), hin und wieder das Programm. An diesem Ort sind weniger die gezeigten Objekte kurios, hier wird die Wahrnehmung selbst zur Kuriosität in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: 'Neugierde weckend'.
Nun mag man Raum grundsätzlich auch als die Summe seines Meublements bzw. seiner
Bestandteile verstehen und nicht zuletzt darin auch den "Genius loci" - den Geist (genauer den 'Hausgeist') eines Ortes erkennen. Das Substantiv 'locus' hat im Lateinischen etliche Bedeutungen,

doch greifen wir hier einmal drei wesentliche heraus: Ort, Raum, Wohnung. Genau diese drei vermeintlich getrennten Bedeutungen bzw. Ebenen verschmelzen in der Ausstellung auf den ersten Blick in eins: in einem konkreten Raum mit speziell geschaffenem Meublement (Vitrine, verdunkelnden Vorhängen usw.) sind temporär zweidimensionale Abbilder eines bewohnten Ortes - einer Wohnung - zu sehen: eine Raum-im-Raum-Situation ist entstanden.
Ein Abbild rückt als 'technische' Zeichnung (im Maßstab 1 : 11) ins Zentrum der Betrachtung. In dieser ersten Version hat Valérie Graftieaux 1997 die ihr nahe, sie berührende Welt ihres ehemaligen Appartements / Studios mit dem distanzierten Blick einer Architektin vermessen: Der Raum ist dekonstruiert  und aus dem Vor- und Hintereinander des dreidimensionalen Sehens wird das Nebeneinander. Betont wird damit die Horizontale, und die Möbel sowie all die Dinge des täglichen Lebens reflektieren eine minutiöse Ordnung  - nur unterbrochen von der 'Lebendigkeit' der Pflanzenblätter (die freilich z.T. auch gezählt und dokumentiert sind). Doch löst sich eine weitere Ebene, sobald die
Wunderkammer kurzzeitig, durch Zeitschaltuhren geregelt, ins Dunkel fällt. Dann tritt durch phosphoriszierende Höhungen der Zeichnung die dem Ganzen zugrunde liegende, harmonische Struktur zu tage: Wie dieser Mikro-  so muß man sich wohl auch den Makrokosmos als ein Netz aus regelmäßigen Geraden und Diagonalen vorstellen. Die Welt (die große oder kleine) und alles was darin enthalten, ist 'nur' Struktur, definiert durch Maß und Zahl - mal von Physikern und Ingenieuren, mal von Künstlern.
Daß Valérie Graftieaux in dieser Arbeit, die insgesamt drei Monate in Anspruch genommen hat, sich selbst so viel Durchhaltevermögen und der Geometrie soviel Poesie abringen konnte, wird wohl an ihren familiären Wurzeln liegen, denn da gibt es viele Naturwissenschaftler; die Vertrautheit kommt also nicht von ungefähr. Aber dann: Als die Zeichnung zu einem Viertel fortgeschritten war, kam sie auf die Idee, dem Minutiösen das Derangierte/Deregulierte, in gewisser Weise das Eigene nämlich einen sehr detaillierten fotografischen Blick auf ihr Studio entgegenzusetzen - es existiert also eine zweites Abbild, eine zweite Version. Die hier betont vertikale Aneinanderreihung einzelner Aufnahmen in Form von Kontaktabzügen, dokumentieren einen Tag, in dem die Künstlerin von oben nach unten jeweils ein Kompartiment des Raumes fotografierte, immer wieder neu ansetzend bis das Panorama komplett war. Durch Überlagerung bzw. verzerrte Abstände ergeben sich Schieflagen, aber schließlich wird die Individualität dieses Ortes in Details erkennbar. Hier herrscht anscheinend das Chaos, wo auf der Zeichnung unverrückbare Ordnung manifest anmutet. Eine augenfällige Parallele: In beiden Medien konzentriert sich der Blick irgendwann auf das Bücherregal. In der Zeichnung fast monolithisch, offenbart die Fotografie das Ungleichgewicht einer größeren Sammlung oder, wohl eher: ihrer spontanen Anhäufung. Zieh ein Buch heraus, und eine Kettenreaktion bis zur unvermeidlichen


Katastrophe setzt sich in Gang - danach ist nichts mehr, wo es vorher war - eine Situation, die jedem Bücherliebhaber bekannt sein dürfte.

Vielleicht tritt gerade durch dieses 'Bedrohung' die Harmonie jenes gezeichneten und fotografierten Raumes noch stärker zu tage: Das einerseits Persönliche und dennoch allgemein Nachvollziehbare einer solchen Aura ist sicher einer jener Eigenheiten, die sich hinter dem wunderbaren Ausdruck  "Genius loci"  verbergen  - wie das Allgemeine im Besonderen eine der Eigenheiten einer Wunderkammer ist .

An der vor allem in der 'technischen' Zeichnung' vorherrschenden Linie mag auch heute mancher zweifeln wollen, ganz so , wie es der junge Shootingstar der deutschen Literaturszene, Daniel Kehlmann, in seinem jüngsten Buch "Vermessung der Welt" beschreibt. Dort läßt er im Urwald des 18. Jahrhunderts einen Jesuiten mit dem Weltreisenden und Forscher Alexander von Humboldt  in folgendem Zwiegespräch aufeinandertreffen: "Den Äquator messen, fuhr Pater Zea fort. Also eine Linie ziehen, wo nie eine gewesen sei. Ob sie sich dort draußen umgesehen hätten? Linien gebe es woanders. Mit seinen knochigen Armen zeigte er auf das Fenster, das Gestrüpp, die von Insekten umschwärmten Pflanzen. Nicht hier ! Linien gebe es überall, sagte Humboldt. Sie seien eine Abstraktion. Wo Raum an sich sei, seien Linien. Raum an sich sei anderswo, sagte Pater Zea."  [Aber Humboldt standhaft:] "Raum sei überall !"  .... Was spätestens mit Valérie Graftieaux diskreten Linien im "fein geraum" der
Wunderkammer zu beweisen war.                                                               


Gabriele Beßler
     (Initiatorin und Kuratorin KunstRaum WUNDERKAMMER)

PUBLICATION

PRESSE

ARTICLES CRITIQUES