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Valérie Graftieaux, Die Frage der Sicht
Weitestgehend vereinfacht, beruht die Eigenart des fotografischen Aktes auf dem „Einfangen einer Sicht". Während es sich dabei doch um ein durch das Prinzip der Enthüllung definiertes Verfahren handelt, geht es also paradoxerweise um ein Vorgehen, das die Vorstellung von Blindheit voraussetzt. In Wirklichkeit ist das nicht der Fall. Eine „Sicht einfangen" bedeutet nicht, sie zu unterdrücken. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, sie festzuhalten, sie zu fixieren. Oder zumindest das zu fixieren, was die Sicht imstande ist zu speichern, d.h. die Oberfläche der Dinge, jene Hülle des Realen, deren Schein das Mysterium dessen erkundet, was jene verdeckt. Dieses dialektische Spiel zwischen dem Äußeren und dem Intimen (ohne jemals zu vergessen, dass dieser Terminus der Superlativ des Inneren ist), macht den Reiz der Fotografie aus - uns das, seit es sie gibt. Die Serie der Blicke, die Valérie Graftieaux im Jahre 2004 unter dem Titel Filiation (Abstammung) realisierte, indem sie von vorn, in Großaufnahme und voneinander getrennt die Augen verschiedener Familienmitglieder festhielt, ist höchst emblematisch für eine solche Annäherung an die Fotografie. Die Art und Weise, wie sie sie danach zusammenfügt, ohne sie jedoch zu vereinen und damit einen Teil des Gesichts wieder herzustellen, sondern sie voneinander entfernt hält wie die beiden Gläser einer Brille, sagt viel aus über das, worauf ihr Ansatz gründet, nämlich die Frage der Sicht. Wenn, wie Paul Klee sagt, „die Kunst sichtbar macht", so hinterfragen die Fotografien von Valérie Graftieaux genau diese Fähigkeit der Sichtbarmachung oder die Fähigkeit „zu sehen zu geben", wie man es in Zeiten der Suche nach den fundamentalen Mechanismen, die unsere Art der Wahrnehmung strukturieren, gerne nannte. „Das Lebendige mit äußerster Schärfe erforschen und betrachten und zwangsläufig mit großem Rätsel", schreibt die Künstlerin irgendwo. Es geht bei ihr in der Tat um den Willen, das Reale zu „durchforsten", durchaus nicht mit der Absicht, es auszuhöhlen und umzugraben, sondern seine Oberfläche nach den Zeichen abzusuchen, die Aufschluss geben könnten über seine Geschichte. Wie man es auch in der überirdischen Archäologie praktiziert, bei ihr allerdings in einem umgekehrten Verhältnis der Nähe. Von furchterregender Intensität, sind die Pupillen im Blick ihrer Verwandten, die ein leuchtender Lichtblitz durchbohrt, nicht ohne Bezug zu jenen Bildern der Tanins de thé (Teetannine, 1997), Meurtrissures (Quetschungen, 2001), Pommes-momies (Apfel-Mumien, 2001), Graines (Samen, 2005) und Dard (Bohrpfeil, 2006) - und heißt es im Übrigen nicht auch „jemanden mit dem Blick durchbohren"? -, die den Werdegang der Künstlerin markieren. Es sind alles buchstäblich nukleare Bilder, die versuchen, geheime Welten und subtile Geographien sichtbar zu machen, welche in der Enthüllung ihrer Stärken und Schwächen, ihrer Vollkommenheiten und Zufälligkeiten hautnah eingefangen wurden. Wenn die Bilder von Valérie Graftieaux auf eine ganze wissenschaftliche oder genauer biologische Ikonographie verweisen, so deshalb, weil ihre Kunst durch das Lebendige in Anspruch genommen wird und sie sich umgekehrt in einem denkwürdigen und vorausschauenden Verhältnis zur Zeit von diesem nährt. In einem Verhältnis auch der Unmittelbarkeit zur Welt, jener nämlich, die in Seh-, wenn nicht sogar in Reichweite ist. Dass die Künstlerin über die sedimentären Eigenschaften des Gedächtnisses reflektiert - und dies in jedem Sinne des Wortes - gilt auch für die 2003 entstandene Serie der Couteaux paysages (Landschaftsmesser). Das zugleich fragmentarische und zusammenfügende Verfahren, auf dem diese gründet, und das Verhältnis zur Sicht, das sie in der Entfaltung eines Panoramas suggeriert, konfrontieren den Fotografen wie den Betrachter mit einem Bildertypus, der sich von den vorhergehenden stark unterscheidet und aus einer Umkehrung der Perspektive hervorgeht. Sie folgt dem Beispiel einer älteren Arbeit, die eben den Titel Panorama (1997) trägt und anlässlich ihrer Ausstellung in Stuttgart wieder ins Spiel kam. Diese stützt sich auf das von der Künstlerin zunächst gezeichnete, dann in sukzessiven Aufnahmen fotografierte Verzeichnis des Inneren ihrer Wohnung. Millimetriert, liniert und nummeriert, der Arbeit eines Architekten angemessen, bemüht sich die Zeichnung um ein geläutertes Protokoll des Realen, während das Nebeneinander der Kontaktabzüge eine in Zeit und Raum verschobene Vision davon liefert. Fotografie und Zeichnung - im einen wie im anderen Fall geht es bei Valérie Graftieaux um die nämliche Bemühung um formale Präzision und Perfektion. Die Schärfe ihrer graphischen Linie - davon zeugen ihre mit der Feder skizzierten Café-Szenen, mit denen sie wie im Flug das Momenthafte eines kurzen Eindrucks erfasst - kommt dem Sturzflug ihrer fotografischen Vision gleich. Ob es sich nun darum handelt, einen gebündelten oder gestreuten Blick auf die Welt zu werfen, ein Motiv im Vorübergehen zu erfassen oder sich im Gegenteil dabei aufzuhalten, es geht immer um den Gestaltungswillen eines Wesens und um ein entschlossenes Festhalten an einer Ästhetik der Spur und des Zeichens.
Philippe Piguet
Aus dem Französischen übersetzt von Helga Kopp
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