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Zum ersten Mal sind hier die Stationen des von Valérie Graftieaux Ende der 1990er Jahre begonnenen Werdegangs vereint. Inzwischen sind wir gewohnt, diese im vergangenen Jahrhundert anzusiedeln. Wenn eine Retrospektive der Arbeiten einer jungen Künstlerin bereits gerechtfertigt erscheint, so deshalb, weil die Entdeckungen, die sie im Verlauf ihrer Erkundungen macht, besonders vielgestaltig sind.

Was, wenn diese Vielgestaltigkeit nur Schein ist ? Die Tanninrückstände auf der Porzellanglasur, die mumifizierten Früchte, die von der Zeit metamorphosierten Samen und Blüten, die ausgegrabenen Wurzeln, die tief in den Augen beobachteten Blicke, die persönlichen Lebens- und Arbeitsräume, die Terrassen der Cafés, die mit großer Sorgfalt zeichnerisch oder fotografisch aufgenommen werden - sind sie nicht alle Ausdruck ein und derselben analytischen Erkundung der Welt, eines Bemühens, die Welt zu
sehen bis in ihre intimsten Offenbarungen hinein?

Sehen beschränkt sich in der Tat nicht darauf, die Augen aufzumachen. „Ich sehe" heißt genauso „ich verstehe, ich stelle mir im Geiste vor". Valérie Graftieaux macht die Augen auf. Sie gibt uns das wahrgenommene Bild durch eine untrennbare Alchimie des Blicks und der Intelligenz wieder, in welcher sich ihr Bemühen spiegelt, jenen Teil des Universellen zu verstehen und zu übersetzen, den die Einmaligkeit eines Augenblicks, Gegenstands, Ortes oder Wesens in sich birgt. Das Bild wählen und wiedergeben, um besser zu verstehen. Diese Haltung gefällt mir, dieser zugleich gewollte und instinktive Versuch, mit den verschiedenen Mitteln der Reproduktion das zu erfassen und zu übermitteln, was ein erster Blick nicht zu sehen, nicht zu verstehen erlaubt.

Während eines Studienaufenthalts in Italien, wo bereits mit jenen Zeichnungen experimentiert wird, die mit Hilfe einer in Kaffee eingetauchten Feder entstehen, bietet vor allem die Frequentierung von Kinosälen eine erste Gelegenheit zu einem echten analytischen Vorgehen. Indem Valérie Graftieaux im Dunkeln die unbekannten Wörter einer noch mangelhaft beherrschten Sprache hinkritzelt, versucht sie bereits, deren Sinn zu erfassen. Zurück im hellen Atelier, ritzt sie die Wörter auf Kupferplatten ein. Indem diese so ihren flüchtigen Status verlieren, setzen sie ihre Botschaft frei und schreiben sich der Zeit des Verstehens ein.

Die Zeichnungen und Panoramafotografien der Lebens- und Arbeitsräume der Künstlerin, die sie im Frühjahr 2006 in der Galerie Wunderkammer in Stuttgart zeigte, zeugen ihrerseits von jenem Bemühen, das Reale in einem Kuriositätenkabinett zu erforschen, wo jedes Fragment sich jederzeit wieder mit dem Gesamten verbinden kann.

Ein Wort noch über die Zeit des Künstleraufenthalts, die Abgeschiedenheit und Abstand vom gewohnten Alltag sowie Konzentration und Analyse begünstigen soll. Der Aufenthalt der Künstlerin am Institut français in Stuttgart im Sommer 2005 hat offenbar die vertiefte Weiterentwicklung einer rationalen, fast wissenschaftlichen, aber immer sinnlichen Erkundung gefördert. Wir sind eingeladen, diese zu entdecken und gleichzeitig unsere eigene visuelle und intellektuelle Wahrnehmung zu hinterfragen. Was sehen wir? Auf diese Frage antworten Äpfel und Samen, Wurzeln und Pfeile, private und intime Räume, Orte der Begegnung und des Austauschs, indem sie uns auffordern, das anzuschauen, was Valérie „sieht".

de déceler les marques... »

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